Innovation muss im Alltag bestehen – Die Erfolgsformel für Innovation: Idee mal Kompetenz im Quadrat

Innovation beginnt für mich nicht im Labor, sondern mit einer einfachen Frage: Welches Problem müssen wir lösen? In unserem Unternehmen kann es darum gehen, Wärme oder Wasser zuverlässig zu transportieren, Menschen vor Naturgefahren zu schützen oder Seil- und Kabellösungen weiterzuentwickeln. Entscheidend ist, zuerst den tatsächlichen Bedarf zu verstehen. Erst dann kommt die Technologie ins Spiel. Sonst entwickeln wir womöglich etwas, das beeindruckend wirkt, aber niemandem hilft. Eine gute Idee allein macht somit noch keine Innovation. Sie muss sich herstellen und einsetzen lassen, zuverlässig funktionieren und wirtschaftlich betrieben werden können. Ich sage gerne: Der Erfolg ist «Idee mal Kompetenzen im Quadrat». Was am Ende zählt, ist nicht der lauteste Geistesblitz, sondern ob Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten daraus eine verlässliche Lösung machen.

Wie wichtig unterschiedliche Perspektiven sind, habe ich bei längeren Arbeitsaufenthalten in den USA und in Japan selbst erfahren. Wenn Entwicklung, Produktion, Service und Verkauf aus verschiedenen Ländern und Fachrichtungen gemeinsam auf ein Problem schauen, werden Gewissheiten schneller hinterfragt. Das hilft, blinde Flecken zu erkennen und bessere Lösungen zu entwickeln. Gute Lösungen entstehen aber auch dort, wo sie später gebraucht werden: bei den Kundinnen und Kunden. Seit sieben Jahren habe ich kein eigenes Büro mehr. Mein Büro ist ein Rollkoffer, mit dem ich zwischen unseren Standorten und Kunden unterwegs bin. Bei der Eröffnung eines Produktionsstandorts in Südafrika war ich beispielsweise mehr als 3000 Meter unter der Erde und sah, unter welchen Bedingungen unsere Schutznetze von Geobrugg in einem heissen, feuchten Bergwerk eingebaut werden. Solche Vor-Ort-Erfahrungen lassen sich durch keinen Bericht ersetzen. Und sie führen oft zu Verbesserungen, von denen im Alltag kaum jemand etwas bemerkt.

Wenn morgens Wasser aus dem Hahn kommt, ein Quartier zuverlässig mit Wärme versorgt wird oder eine Strasse vor Steinschlag geschützt ist, denken wir kaum über die Technik dahinter nach. Dabei können gerade unspektakuläre Verbesserungen einen grossen Unterschied machen. Bei unserer Tochterfirma Rittmeyer helfen neue Lösungen, den Energieverbrauch von Kläranlagen um bis zu 40 Prozent zu senken. Bei Brugg Pipes wiederum sorgt eine bessere Dämmung dafür, dass in Fernwärmenetzen weniger Wärme verloren geht. Über viele Kilometer und Jahre summieren sich solche Einsparungen.

Die Schweiz bietet für solche Innovationen ausgezeichnete Voraussetzungen: eine starke Berufsbildung, gute Hochschulen, spezialisierte Unternehmen und kurze Wege zwischen Forschung und Industrie. Gerade die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Universitäten schätze ich sehr. Regelmässig verbinden wir so wissenschaftliche Erkenntnisse mit unserer Erfahrung aus der Praxis. Diese Innovationsfähigkeit müssen wir pflegen, denn gerade ein Hochlohnland wie die Schweiz kann seinen Wohlstand nicht über tiefe Kosten sichern.

Unsere Stärke liegt vielmehr darin, Bewährtes immer wieder besser zu machen und Neues in verlässliche Anwendungen zu übersetzen. Dafür müssen wir kontinuierlich in Wissen, Menschen und neue Ideen investieren. Eine offene und starke Wirtschaft gibt Unternehmen den nötigen Spielraum. Denn klar ist: Innovation schafft ihren gesellschaftlichen Wert dann, wenn sie nicht beim Prototyp endet, sondern als sichere, bezahlbare und langlebige Lösung im Alltag ankommt.

Zur Person: Dr. Stephan Wartmann (53) ist CEO der Brugg Group AG. Die Schweizer Industriegruppe mit Sitz in Brugg ist auf Seiltechnik, Rohrsysteme, Prozessleittechnik und Kabelsysteme spezialisiert. Sie beschäftigt weltweit über 2200 Mitarbeitende an 19 Produktionsstandorten.

Diese Kolumne ist erstmals am 26.09.2026 in der Schweiz am Wochenende erschienen.