Internationaler Handel wirkt in beide Richtungen – Wie die Schweiz von einem starken Export profitiert

Export wird oft erst sichtbar, wenn ein Produkt die Schweiz verlässt. In unserem Fall bei Garaventa sind es Seilbahnen, die fast auf der ganzen Welt Menschen transportieren. Aber oft geht vergessen: Export beginnt lange, bevor überhaupt etwas geliefert oder gebaut wird. Ob eine Seilbahn realisiert wird, entscheidet sich nicht erst auf der Baustelle, sondern in den verschiedenen Phasen davor. Planung, Finanzierung und die grundlegenden Voraussetzungen müssen zusammenpassen.

Als Verantwortlicher für das operative Geschäft bei Garaventa erlebe ich immer wieder, wie abhängig dieser Prozess von stabilen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ist. Veränderungen im Zielland, Währungsschwankungen oder unsichere Handelsregeln können Projekte verzögern oder gar ganz stoppen. Besonders spürbar war das zuletzt bei internationalen Zollfragen. Vieles davon liegt ausserhalb unseres Einflusses – und entscheidet doch darüber, ob ein Projekt realisiert werden kann. Umso wichtiger sind verlässliche Regeln und Freihandelsabkommen – nicht nur für uns, sondern für die gesamte Wirtschaft. Sie geben uns die Grundlage, Projekte realistisch zu planen und verlässlich umzusetzen.

Doch selbst unter guten Voraussetzungen bleibt die Umsetzung internationaler Projekte anspruchsvoll. Sie erfordern komplexe Lieferketten, eine enge Abstimmung und eine saubere Planung über Ländergrenzen hinweg. Ob Fundamente bereitstehen, Energie verfügbar ist oder Zufahrten funktionieren, entscheidet darüber, wann Komponenten geliefert und montiert werden können. Jede Verschiebung wirkt sich unmittelbar auf die Planung, die Produktion und den Einsatz unserer Spezialisten aus.

Ein Beispiel dafür ist die Pendelbahn Lone Peak Tram, die wir in den Rocky Mountains in den USA realisiert haben. Für Garaventa war das Projekt auf über 3000 Metern Höhe nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch organisatorisch und kulturell prägend: Das alles funktioniert nur, wenn unsere Schweizer Mannschaft und die Mitarbeitenden vor Ort auf der Baustelle an einem Strick ziehen. Genau diese enge, pragmatische Zusammenarbeit macht am Ende den Unterschied zwischen «gebaut» und «erfolgreich in Betrieb» aus.

Ein ganz anderes Projekt konnten wir in Hongkong umsetzen: die Erneuerung einer Standseilbahn, deren Geschichte bis ins Jahr 1888 zurückreicht. Sie wurde zum sechsten Mal umfassend modernisiert, die Kapazität deutlich erhöht und die Wartezeiten spürbar reduziert. Das Projekt in der dicht besiedelten Millionenmetropole ist ein Beispiel dafür, wie technische Entscheidungen direkt in ein besseres Gesamterlebnis für die Menschen vor Ort übersetzt werden und wie die Seilbahnen parallel zur Städteentwicklung laufend den aktuellen Bedürfnissen gerecht werden muss.
Entscheidend ist auch die Zeit nach der Inbetriebnahme: Dann zeigt sich, dass modernste Technik allein nicht genügt. Noch wichtiger ist, dass die Anlage auch im Alltag funktioniert. Gerade in Märkten mit anderen Ausbildungsniveaus hat uns das gelehrt, Systeme einfacher und robuster zu gestalten – was letztlich auch der Qualität und der Sicherheit von Anlagen in der Schweiz zugutekommt. Export wirkt damit immer in beide Richtungen: Er bringt nicht nur Schweizer Technologie in die Welt, sondern stärkt durch Lerneffekte und Verbesserungen auch die Infrastruktur im Inland. Davon profitieren Wirtschaft und Bevölkerung.

Keine Frage: Eine funktionierende Infrastruktur ist die Grundlage für Mobilität, Wohlstand und Unternehmen wie unseres. Und sie bleibt dann stark, wenn wir als Land offen bleiben für die Welt, für neue Ideen und für die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg, ohne dabei unsere eigenen Werte zu verlieren: Präzision, Verlässlichkeit und Innovationskraft. Denn was wir international lernen und entwickeln, wirkt am Ende immer auch zurück in die Schweiz.

Zur Person: Philipp Meili (51) ist seit 2024 COO des Schweizer Seilbahnunternehmens Garaventa. Die Firma mit Sitz in Goldau SZ realisiert als Teil der Doppelmayr-Gruppe innovative und hochwertige Seilbahnen auf der ganzen Welt.

Diese Kolumne ist erstmals am 30.05.2026 in der Schweiz am Wochenende erschienen.