Pflege neu gedacht – dank dualem Bildungssystem

Mit 16 begann meine berufliche Reise in der Pflege – und mit ihr die Erkenntnis, dass Verantwortung in dieser Branche nicht irgendwann kommt, sondern vom ersten Tag an. Als Lernende Fachfrau Gesundheit war ich plötzlich Teil eines Systems, in dem meine Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf andere Menschen hatten. Diese Erfahrung war ungemein wertvoll. Eine Lehre ermöglicht jungen Menschen einen frühen Einstieg in die Praxis, frühe Verantwortung, frühes Lernen – fachlich und menschlich. Daraus wachsen Selbstvertrauen und der Mut, den eigenen Weg weiterzugehen.

Unser duales Bildungssystem ist dafür ein starkes Fundament. Es verbindet Theorie und Praxis und eröffnet Entwicklungschancen, die weit über den ersten Beruf hinausreichen. Für mich öffnete dieses System den Weg von der Lernenden zur Teamleiterin und später in die Geschäftsleitung meines eigenen Unternehmens– parallel dazu absolvierte ich mein Bachelor- und Masterstudium. Arbeiten und studieren gingen dabei Hand in Hand, Theorie und Praxis ergänzten sich.

Wer früh Verantwortung übernimmt, beginnt Zusammenhänge zu verstehen. Gerade in der Pflege wird das deutlich, weil man die demografischen Veränderungen nicht in Statistiken, sondern im Alltag sieht. Die Gesellschaft altert, der Bedarf an Betreuung und Pflege steigt kontinuierlich, gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Pflege ist deshalb kein Randthema, sondern eine gesellschaftliche Kernaufgabe.

Doch gute Pflege braucht kluge Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, Bestehendes zu hinterfragen. Diese Erkenntnis hat in mir den Wunsch geweckt, nicht nur im Kleinen zu wirken, sondern Strukturen mitzugestalten. 2022 habe ich mit einem Partner WeNurse ins Leben gerufen – den ersten Freelance-Pool im Gesundheitswesen im Besitz der Mitarbeitenden. Die Idee ist einfach und zugleich grundlegend: Pflegende werden Mitunternehmerinnen und Mitunternehmer. Sie gestalten mit, übernehmen Verantwortung und profitieren direkt vom Erfolg. Hinter dem Modell steht die Überzeugung, dass unternehmerische Freiheit die Zufriedenheit stärkt. Und wer zufrieden ist, ist eher bereit, im Beruf zu bleiben.

Als Startup sprechen wir oft vom «Pivotieren», vom bewussten Kurswechsel also. Das bedeutet für uns, immer wieder zu prüfen, ob etwas wirklich funktioniert – oder ob wir es nur so machen, weil wir es schon immer so gemacht haben.

Hier schliesst sich für mich der Kreis zur Wirtschaft. Die Herausforderungen in der Pflege erfordern Innovation und neue Modelle. Eine funktionierende Wirtschaft schafft dafür die Grundlage: Sie ermöglicht Ausbildungsplätze, unterstützt berufsbegleitende Studiengänge und gibt Gründerinnen und Gründern Raum, neue Versorgungsmodelle zu entwickeln. So kann das hohe Versorgungsniveau langfristig gesichert werden. Und damit auch jene Lebensqualität, die wir in der Schweiz (zu) oft als selbstverständlich ansehen.

Zur Person: Alessia Schrepfer (*35) ist Gründerin von WeNurse, dem ersten Freelance-Pool im Gesundheitswesen. 2024 wurde sie vom Swiss Economic Forum als Jungunternehmerin des Jahres mit dem SEF.WomenAward ausgezeichnet.

Diese Kolumne ist erstmals am 28.03.2026 in der Schweiz am Wochenende erschienen.